2 Kulturgeschichte

Was ist eigentlich Streuobst?
„Unter Streuobst ist die traditionelle Form des Obstbaues zu verstehen, bei der vorwiegend großkronige und hochstämmige Obstbäume verschiedener Arten und Sorten, Alters- und Größenklassen in weiträumigen Abständen meist auf Dauergrünland stehen.“ Dabei ist in Streuobstbeständen „der Einzelbaum in Form und Farbe als Individuum erkennbar. Die Bäume wurden ursprünglich meist mit einheitlichen, aber weiträumigen Abständen in Reihen gepflanzt und sind später durch Ausfälle und fehlende Nachpflanzungen zu den Namen gebenden, scheinbar wahllos über die Landschaft ‚gestreuten‘ lückigen und uneinheitlichen Beständen geworden.“ (Prof. Weller, FH Nürtingen)

Obstwirtschaft …
Streuobstwiesen hatten früher eine andere Bedeutung als heute. Auch wurde bis Mitte des 20. Jahrhunderts lediglich von „Obstwiesen“ gesprochen. In schlechten Zeiten wurde nämlich versucht, möglichst auf zwei ‚Stockwerken’ landwirtschaftlichen Ertrag zu erzielen. Das Grünland unter den Bäumen diente als Weideland oder Winterfutter, und der Obstanbau verbesserte nicht nur die Nahrungsmittelversorgung, sondern war auch Zuverdienst.
Um Mössingen hatte der Handel mit gedörrtem Obst schon nach dem Dreißigjährigen Krieg begonnen. Richtig angetrieben wurde der Obstanbau aber Ende des 18. Jahrhunderts durch die „Volksaufklärer“, überwiegend gebildete Leute wie Ärzte – oder Pfarrer, die z. B. in ihren Predigten Hinweise zu Stallviehhaltung oder Obstanbau unterbrachten. Sie versuchten so, der Bevölkerung die zusätzliche Nahrungs- und Erwerbsquelle als praktische Lebenshilfe näherzubringen – ebenso wie landwirtschaftliche Verbesserungen und die Veränderung ihrer Mentalität.
Zitat Knollenmilch und Schneiderplätz: Das vielleicht wichtigste Getränk in Mössingen und Belsen war wohl der Branntwein. Nicht weil man hier soviel davon getrunken hat, sondern weil es lange Zeit die beste Einnahmequelle für die einheimische Bevölkerung darstellte. Um 1800 existierten in Mössingen über dreihundert Brennereien – und das bei etwa vierhundert Wohnhäusern. Dies bedeutete zur damaligen Zeit die größte Brennereidichte in ganz Deutschland. Bis heute ist der Belsener Kirsch weit über unsere Region hinaus bekannt.Anfang des 19. Jahrhunderts führten Missernten und Bevölkerungszunahme zu Hungersnöten und Auswanderungswellen. Daraufhin förderte Wilhelm I., König von Württemberg, die Landwirtschaft und verordnete auch den Obstbau. Das für Mössingen zuständige Oberamt Rottenburg forcierte unter anderem die Umstellung der Weidewirtschaft auf die Stallhaltung. In der Oberamtsbeschreibung von 1828 heißt es: „Die Obstzucht schritt seit 15 Jahren freudig vorwärts. Alle Haupt- und Nebenstraßen wurden mit Fruchtbäumen besetzt; auf vielen Aeckern in die Lücken alter Pflanzungen junge Stämme eingereiht. […] Ueberall zeigt sich eine rege Teilnahme an diesem schönen und nützlichen Zweige landwirtschaftlicher Kultur.“
Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Stadtbevölkerung infolge der zunehmenden Industrialisierung wuchs, wurde der Obstanbau zum Wirtschaftszweig. 1899 standen auf der Gemarkung Mössingen/Belsen 21.000 Hochstämme, 1938 waren es bereits 34.000 Bäume. Der Obstbau war zu dieser Zeit sehr intensiv, die Bäume wurden mehrmals im Jahr gespritzt und gedüngt.

… im Wandel
Schließlich setzten sich auch im Obstanbau neue Erkenntnisse der Wissenschaft und Technik durch: Niederstämme, maschinelle Bearbeitung des Bodens und Pflanzenschutzmaßnahmen beherrschen seitdem den Alltag des Erwerbs­obstanbaus. Die kleinbäuerlichen Betriebe unserer Region beharrten aber fast ausnahmslos bis zum Ende der 50er-Jahre auf der althergebrachten Hochstammkultur.
Erst eine EG-Rodungsprämie für hochstämmige Obstbäume und die Empfehlung an die Baumschulen, nur noch Nieder‑ und Halbstämme heranzuziehen, sorgten für einen drastischen Rückgang der Streuobstwiesennutzung: Seit 1965 wurden bundesweit ca. 80% der Streuobstbestände aufgelöst, in Baden-Württemberg waren es um die 50%.
Um so erfreulicher, dass um Mössingen große Streuobstbestände erhalten werden konnten – wenn auch ihr Fortbestand nicht gesichert ist.

Grafik: Vergleich 1848 und heute

Streuobstbestand am Farrenberg – Vergleich von 1848 und heute. Zwar erreichten die Streuobstbestände ihre maximale Ausbreitung zwischen 1900 und 1960. Dennoch ist der hohe Anteil an Obstwiesen schon 1848 klar zu erkennen, insbesondere in Bezug auf die geringe Siedlungsausbreitung zur damaligen Zeit. Auch die ausgewiesenen Allmand­flächen waren in der Regel mit Obstbäumen bepflanzt.

Allmende früher …
Der Begriff „Allmende“ entstammt dem Mittelhochdeutschen und bezeichnet ein im Besitz einer Dorfgemeinschaft befindliches Grundeigentum. Im frühen Mittelalter gab es praktisch in jedem Dorf eine Allmende. Daraus entstand eine Grundeigentumsstruktur von Flurgemeinschaften, die von den Kommunen in gemeinsamer Regie kultiviert und genutzt wurde.
Mössinger Heimatbuch: Wie wichtig der Obstbau war, zeigte sich auch daran, dass das Auflesen auch der kleinsten Mengen und das Entfernen von Baumstützen als „Feldexzess“ streng von Feldschützen überwacht und bei Anzeige bestraft wurde. Zeitweise wurden sogar die Bürger verpflichtet, abwechslungsweise 24 Stunden Feldwache zu leisten.In Mössingen handelte es sich überwiegend um Flächen, die in der Nähe des Waldes oder in wenig fruchtbaren Markungsteilen lagen. Jahrhunderte lang wurde die Allmende als Weidegebiet genutzt, in das die Gemeindehirten die Viehherden trieben. Anfang des 19. Jahrhunderts war die Anzahl der potenziell Nutzungsberechtigten so hoch, dass die Allmende vermessen und parzelliert wurde. Jedem Bürger wurden gleich große Stücke zugeteilt. So entstanden die „Allmandteile“.
Gewöhnlich erhielt ein (männlicher) Bürger seine Allmandteile nach der Verheiratung. Laut Gemeindeordnung von 1847 bekam jeder Mössinger 32 Ar, verteilt auf vier Flächen. Dies war verbunden mit der Pflicht, je zwei Obstbäume darauf zu setzen. 1891 wurde die Allmandverteilung in Mössingen neu geregelt. Danach erhielt jeder Bürger nur noch 27 Ar.
1956 veränderte sich der Rechtscharakter der Allmende. Sie war nun frei zu verpachtendes Gemeindeland. An der tatsächlichen Nutzung änderte dies aber wenig, da jedem Bürger die Grundstücke auf unbestimmte Dauer verpachtet wurden. Die Fläche pro Bürger wurde auf 12 Ar verkleinert. 1959 wurde zudem die Pflicht zum einmaligen Mähen im Jahr festgeschrieben.

… und heute
In den letzten Jahrzehnten wurden viele Allmandteile nicht mehr genutzt und von der Gemeinde zu anderweitiger Verwendung eingezogen, unter anderem zur Siedlungserweiterung, zur Aufforstung und zum Straßenbau.
Heute sind neben den noch genutzten Flurstücken etliche Allmandteile an Landwirte verpachtet, andere liegen brach oder werden nur noch sporadisch bewirtschaftet. Zudem wissen viele Bürger gar nichts von der Möglichkeit, Allmandteile pachten zu können. Daher startete die Stadt Mössingen zusammen mit dem Netzwerk Streuobst im Jahr 2005 eine Initiative, mit der insbesondere junge Familien für die Bewirtschaftung eines Allmandteils gewonnen werden sollen.


Franz fragtApfel, Birne, Kirsche, Zwetschge und Walnuss kannst du einfach so essen. Was lässt sich noch alles aus diesen Früchten machen?
Was meinst du, woher der Begriff „Streuobstwiesen“ kommt?

Die Antworten zu Tafel 1:
Die Bäume haben in der Regel einen Abstand von acht bis zehn Metern.
Um Mössingen stehen etwa 40.000 Obstbäume, doppelt so viele wie Mössingen Einwohner hat.


Download
Panoramaweg Tafel 2
Tafel 2: Kulturgeschichte (PDF, 1.922 KB)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *