3 Lebensraum Streuobstwiese

Streuobstwiesen sind Teil einer historisch gewach­senen Kulturlandschaft. Sie prägen und gliedern unser heimisches Landschaftsbild. Und sie gehören zu den artenreichsten Lebensgemeinschaften Mitteleuropas. Aber nicht nur das – Streuobstwiesen haben positive Auswirkungen auf alle Naturgüter: Boden und Wasser, Klima und Luft, Arten und Biotope, das Landschaftsbild und natür­lich den Menschen. Sie prägen unser Heimat­bild.

Obstbäume verhindern Erosion

Obstbäume verhindern Boden-Erosion. (Grafik: Harry Rey)

Boden, Wasser, Klima
Um Mössingen finden wir Streuobstwiesen überwiegend an den Berghängen. Hier schützen sie den Boden doppelt: Die geschlossene Krautschicht aus Gräsern, Wiesenblumen und Kräutern unter dem Obstbaumbestand wirkt der Erosion – also dem Oberbodenabtrag durch Wasser und Wind – entgegen­ und schützt so die Bodenkrume. Gleichzeitig speichert der Boden den Niederschlag und trägt dazu bei, Hochwasser zu vermeiden.
Da Streuobstwiesen im Allgemeinen nur ­wenig gedüngt und Pestizide und Fungizide nur selten eingesetzt werden, bleibt das ursprüng­liche Bodengefüge auch für nach­folgende Generationen erhalten.
Warum ist es im Sommer angenehmer, durch Streuobstwiesen zu gehen als über ein großes Feld?
Die Transpiration (Verdunstung) der ­Bäume erhöht die Luftfeuchtigkeit und senkt die Temperatur innerhalb eines Streuobstbestandes. Gemeinsam mit dem Schatten, den die großen Bäume spenden, führt dies zu ­einem angenehmen Lokal­klima. Außerdem werden Unreinheiten und Stäube in der Luft abgepuffert und von den Blättern gefiltert.
Als Frischluftproduzenten liefern die Bäume einen wichtigen Beitrag zum Klima­schutz. So verarbeitet ein alter Birnbaum bei der Photosynthese täglich über 9.000 Liter Kohlendioxid und produziert dabei dieselbe Menge Sauerstoff. Im Jahr filtert er den Luftinhalt von etwa 800 Einfamilienhäusern.

Flora und Fauna in der Streuobstwiese

Flora und Fauna in der Streuobstwiese

Arten und Biotope
Streuobstwiesen geben mehreren Tausend Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum – gerade auch in den besonders kritischen Jahreszeiten Herbst und Winter. Weil etliche dieser Arten gefährdet und geschützt sind, wurden Teile der Mössinger Obstwiesen als Schutzgebiete ausgewiesen. Sie bieten eine Vielzahl an Nistmöglichkeiten und eine gute Nahrungsgrundlage für Säuger und vor allem Vögel, denn hier finden auch viele Insekten einen natürlichen Lebensraum.
Die besonders große Artenvielfalt ergibt sich aus der Fülle an verschiedenen Lebensräumen, die eine Streuobstwiese zu bieten hat. Dafür gibt es verschiedene Gründe:
Streuobstwiesen werden meist extensiv bewirtschaftet. Das heißt, hier wird kaum gedüngt oder anderweitig chemisch eingegriffen, und die Wiesen werden in der Regel nur ein bis zwei Mal pro Jahr mit dem Balkenmäher gemäht. Die Arbeits­ein­sätze erfolgen überwiegend von Hand. Große Maschinen, die Tieren gefährlich werden können, kommen kaum zum Einsatz.
Ein weiterer Grund für die Artenvielfalt ist der so genannte „vertikale Strukturreichtum“. Die verschiedenen Ebenen einer Streuobstwiese – Moose, Gräser, Zwergsträucher sowie die Baumebenen – bieten Lebensraum für Tiere und Pflanzen mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen.
Ähnliches gilt für den „horizontalen Strukturreichtum“: Nutzungsintensität, Mahd-, Ernte- und Gehölzschnitttermine variieren von Grundstück zu Grundstück ebenso wie die Altersstruktur der Gehölze und die Dichte des Baumbesatzes. Hinzu kommen Sonderstrukturen wie Hecken und Raine, die weiteren Raum und ökologische Nischen bieten.
Streuobst umfasst eine große Sortenvielfalt. Viele lokale Sorten sind an die spezifischen Boden-, Wasser- und Klimaverhältnisse angepasst. Daher sind Streuobstwiesen an sehr unterschiedlichen Standorten anzutreffen: Vom trockenen Magerrasen bei der Olgahöhe bis hin zu den feuchten Standorten im Gewann Kausbühl oder am Buchbach.
Darüber hinaus dienen Streuobstwiesen als wichtige Trittsteinbiotope und Verbindungskorridore zwischen unterschiedlichen ökologisch wertvollen Lebensräumen.

Landschaft und Mensch
Heimatgefühl wird von vielen Faktoren bestimmt. Einer davon ist die Landschaft, in der wir aufwachsen. Unsere Region ist stark geprägt von den Streuobstwiesen, die die Siedlungen umgeben. Vielleicht fühlen wir uns deshalb in hügeligen, durch Obstwiesen und vereinzelte Hecken geprägten Landschaften eher wohl als in gleichförmigen, flachen ­Gegenden.
Doch Obstwiesen strukturieren nicht nur die Landschaft, sie haben auch viele Gesichter, die uns im Jahreslauf begleiten: Die imposante Blütezeit im Frühjahr, schillernde Blumenwiesen im Sommer, leuchtende Früchte im Herbst, bizarre Schneelandschaften im Winter.
Darüber hinaus ist die Arbeit in der Obst­wiese für viele Menschen ein wichtiger Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit. Wer gemeinsam mit der ganzen Familie das eigene Obst erntet, im Baum herumklettert und auf der Wiese rastet, dem schmeckt auch das selbst geerntete Obst und die selbstgemachte Marmelade umso besser. Für viele ist das Arbeiten in der Streuobstwiese auch Ausdruck eines veränderten Bewusstseins – ganz im Sinne der Agenda 21: „Global denken – lokal handeln“.


Franz fragtGehe zu einem Baum und schaue genau. Wie viele verschiedene Tiere kannst du zählen? Wer findet die meisten?
Wohin fließt das Wasser, wenn es geregnet hat?

Die Antworten zu Tafel 2:
Aus Obst macht man z. B. Saft, Most, Schnaps, Kuchen, Apfelmus, Marmelade, Dörrobst, …
„Streu­obst­wiese“ heißt es, weil hier Obstbäume verstreut auf der Wiese stehen.


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Panoramaweg Tafel 3
Tafel 3: Lebensraum Streuobstwiese (PDF, 504 KB)

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