4 Wandel, Gefährdung oder Chance?

Landschaften verändern sich. Noch vor dreitausend Jahren war der größte Teil Deutschlands mit Wald bedeckt. Erst der Mensch prägte die heute sichtbare Kulturlandschaft, „eine vom Menschen zwar intensiv genutzte, jedoch durch kleinräumige Wirtschaftsweisen geprägte Agrarlandschaft, deren Haushalt durch eine Vielzahl von Landschaftselementen ökologisch relativ stabil ist und in ihrer Physiognomie naturräumliche Verschiedenheiten wahrt“ (Deutsches Forum Kulturlandschaft).
Die Kulturlandschaft um Mössingen ist stark vom Obstbau geprägt. Politische Vorgaben, technischer und wirtschaftlicher Wandel führten vielfach zur Nutzungsaufgabe oder Umnutzung von Streuobstwiesen. Ob wir diese Entwicklung nun gutheißen oder ablehnen – wie unsere Landschaft in Zukunft aussieht, das entscheiden wir selbst.

Politische Vorgaben
Der „Emser Beschluss“ des Bundesernährungsministeriums von 1953 propagierte den Plantagenanbau als Zukunft des Obstbaus in Deutschland. Den Baumschulen wurde daher empfohlen, nur noch Nieder‑ und Halbstämme heranzuziehen. Streuanbau, Straßenalleen und Mischkulturen seien zu verwerfen.
1957 verabschiedete der Stuttgarter Landtag den „Generalplan für die Neuordnung des Obstbaus in Baden-Württemberg“. Für die Rodung der Hochstämme wurden staatliche Prämien ausgelobt, für die Errichtung von Niederstammanlagen Beihilfen gezahlt.
Von der EWG wurde eine Richtlinie erlassen, auf deren Grundlage bis 1974 für jeden gefällten hochstämmigen Baum eine Prämie gezahlt wurde. Außerdem wurde die Umwandlung von Obstwiesen auf guten Böden in Ackerland subventioniert.

Birnen aus Südafrika

Birnen aus Südafrika (Bild: Sabine Mall-Eder)

Wirtschaftlicher Wandel
Neue technische Verfahren der Haltbarmachung, Globalisierung und der gesellschaftliche Wandel sorgen für erhebliche Veränderungen.
Die Landwirtschaft dient bei uns nur noch wenigen Menschen als Erwerbsgrundlage, die extensive Bewirtschaftung von Obstwiesen ist unwirtschaftlich. Darüber hinaus werden Obst, Saft oder Marmelade in Supermärkten so billig angeboten, dass der Aufwand, eigene Produkte herzustellen, unverhältnismäßig hoch erscheint.
Heimisches Obst muss nun mit Obst aus Neuseeland oder Argentinien konkurrieren, das trotz der enormen Transportwege oft billiger angeboten werden kann.
Ähnliches geschieht beim Saft: Die Einfuhr von billigem Saftkonzentrat und Limonaden verdrängen den heimischen Apfelsaft vom Markt. Gleichzeitig führt der Wandel im Konsumverhalten z.B. dazu, dass Most bei vielen „out“ ist.

Gefährdung

Gefährdung der Streuobstwiesen um Mössingen (Karte: Sabine Mall-Eder)

Wandel um Mössingen
Zwar gingen rund um Mössingen noch nicht so viele Streuobstflächen verloren wie anderswo, aber auch hier befinden sie sich auf dem Rückzug. Dies hat unterschiedliche Gründe und Ausprägungen.
In den 60er Jahren wurden im Zuge der Obstbau-Intensivierung Hochstämme durch Halbstammanlagen ersetzt – so zum Beispiel die Kirschen‑ und Zwetschgenfelder unterhalb der Olgahöhe (1). Sie haben heute u.a. durch das vermehrte Auftreten der Kirschfruchtfliege an Bedeutung verloren.
In unwirtschaftlichen Lagen wurden nicht mehr genutzte Streuobstflächen gezielt aufgeforstet (2).
Anderswo musste das Streuobst dem Straßenbau weichen. Beim Bau des Mössinger Nordrings waren dies insbesondere Streuobstwiesen in Richtung Nehren (3). 1959, beim Bau der B27, war das Gewann Laifeld davon betroffen.
Ehemalige Streuobstgebiete wie z.B. das Gewann „Öschlesgärten“ werden zur Siedlungserweiterung genutzt (4). In den Gartenhausgebieten „Kausbühl-Fork­loch“ und „Wacht“ (5) wurde die Nutzung anderweitig intensiviert. Hier ist das Errichten von Hecken oder Zäunen und der Bau von kleinen Hütten gestattet, aus frei zugänglichen Streuobstwiesen werden private Gärten. Hier ist auch das Mähen mit dem Rasenmäher, Umbruch in Grabeland und Pflanzen von standortfremden Ziergehölzen üblich.
Daneben spielt die Nutzungsaufgabe eine wichtige Rolle. Wo die Besitzer aus unterschiedlichen Gründen sich nicht mehr um ihre Streuobstwiesen kümmern können oder wollen, verwildern nicht nur die Baumbestände. Die fehlende Mahd führt zum Einsetzen verschiedener Sukzessionsstadien: Von der Verbrachung und Verwilderung (6) bis hin zur Rückeroberung der Flächen durch den Wald (7).

Wir entscheiden
Was ist so schlimm daran, wenn unser Obst und unser Saft nicht von heimischen Streuobstwiesen stammt? Wenn die Streuobstwiesen verschwinden und die Landschaft für andere Zwecke genutzt wird?
Nichts.
Es sei denn, wir möchten die Landschaft, in der wir uns wohl fühlen, nicht verlieren. Es sei denn, wir glauben, dass der Verlust von Pflanzen‑ und Tierarten mehr als ein kosmetisches Problem der Biodiversität ist. Es sei denn, wir haben verstanden, dass gewachsene Landschaften das lokale Klima schützen und beispielsweise Überschwemmungen verhindern. Es sei denn, wir möchten irgendwann auf alte Obstsorten zurückgreifen, die nur hier gepflegt werden, und benötigen dann die speziellen Kenntnisse über deren Eigenschaften und Standort­ansprüche (siehe auch Tafel 5). Es sei denn, wir haben erkannt, dass der Erholungswert einer Landschaft auch wichtiger Standortfaktor ist.
In den letzten Jahrzehnten hat sich das Bewusstsein über den Umgang mit natürlichen Ressourcen gewandelt. Viele Verbraucher möchten Spritzmittelrückstände in gekauftem Obst oder CO2-Belastungen durch weltweite Obsttransporte vermeiden. Gleichzeitig machen neue Verfahren in der Obstverarbeitung („Bag in Box“) die Bewirtschaftung der Streuobstwiesen auch für Privatleute wieder attraktiv. All dies macht Hoffnung darauf, dass die Streuobstwiesen noch gerettet werden können.
Ob wir diese Landschaft, wie sie jetzt ist, behalten möchten oder nicht, entscheiden nämlich wir selbst. Wir tun dies als Wähler, als Verbraucher – und in besonderem Maße als Nutzer eines Allmandteils.


Franz fragtStreuobstwiesen sind nicht eingezäunt. Für wen ist das besonders wichtig?
Oft kommt das Obst, das Du isst, von weit her. Was glaubst Du, wie viele Kilometer ein Apfel aus Neuseeland oder Argentinien bis zu Dir zurücklegen muss?

Die Antworten zu Tafel 3:
Hier leben über 2.000 Tierarten.
Je nach Bewuchs und Oberfläche wird Wasser von den Pflanzen aufgenommen, versickert im Boden, verdunstet oder fließt den Berg hinunter.


Download
Panoramaweg Tafel 4
Tafel 4: Wandel, Gefährdung oder Chance? (PDF, 490 KB)

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