Schlagwort: Helmut Palmer

Grandioser Palmer-Abend

Am Ende hält das restlos begeisterte Publikum den Atem an, während Axel Nagel Loop um Loop seine eigene Stimme addiert, um Hannes Waders „Traumtänzer“ in ein furioses Finale zu führen. Wie schön passt auch dieses Lied zum großartigen Abend über Helmut Palmer am gestrigen Mittwoch im Café Pausa. Kaum jemand seiner Zeitgenossen hätte den „Remstal-Rebellen“ damals so bezeichnet: Als Traumtänzer. Schon gar nicht jene, die unter ihm und seiner Sprachgewalt leiden mussten. Schon eher als „Spinner“ und „Narr“, wie es in Waders Lied ebenfalls heißt. Und wenn, dann nur mit Adjektiven wie „bösartig“, „eigensinnig“, „wütend“ oder „beleidigend“ versehen.

Axel Nagel (git, voc), Peter Schwarz (text, bild)

Es passt, weil der ganze Abend warmherzig ist. Kann man über einen so rüden, alle soziale Normen verlassenden Menschen schreiben? Der Journalist Peter Schwarz, der sich noch zu Lebzeiten Palmers von ihm beleidigen lassen durfte – er kann. Er beginnt mit den Fakten – immer eine gute Idee. Erzählt alte, aber auch weniger bekannte Anekdoten über den Bürgerrechtler, den Pomologen, den Dauerkandidaten, das Beleidungsgenie, den Erfinder der versenkten Leitplanke, den Obsthändler, den Performance-Künstler, den Herbergsvater osteuropäischer Straßenmusiker. Lustige und deprimierende, unglaubliche und unfassbare Geschichten. Alle wahr. Manche leider.

Kongenial addiert Axel Nagel Lieder über und von Rebellen, singt unsingbare Texte wie die Hass-Postkarten, die Franz-Josef Degenhardt zugeschickt wurden oder Thomas Felders Anklageschrift wegen zivilen Ungehorsams, in dem so sperrige Wörter wie „Durchfahrtsmöglichkeit“ zur lyrischen Lachnummer mutieren.

links: Schwarz, rechts: Palmer

Dann wendet sich Peter Schwarz seinem ersten längeren Text zu, entstanden 2003, ein Jahr vor Palmers Tod. Er beschönigt nichts. Er verteidigt Palmer nicht. Er lässt alle Seiten zu Wort kommen. Er beschreibt Palmers Wunden genauso wie jene, die Palmer zufügt. Aber am Ende des Stücks versteht man, dass alles einen Grund haben kann – ob gen- oder geschichtsbedingt, das weiß man nicht. Vielleicht auch Palmer nicht. Aber er schickt Schwarz eines seiner berühmten Faxe. „Tausend Dank. Bin gerührt. Ihr Helmut Palmer.“ Schwarz trocken: „Der Höhepunkt meiner Berufslaufbahn.“

Nagel fügt einen weiteren Rebellen hinzu: Georg Ringsgwandls Moritat über den „Kneißl Hias“, den bayrischen Volkshelden Mathias Kneißl. Palmer, ein Volksheld?

„Und jetzt hören sie die Geschichte noch einmal.“ Wird der eine oder die andere im Publikum nervös, als Schwarz zum zweiten großen Text ansetzt? Aber wie großartig sich diese zweite Geschichte in dem Moment wendet, als klar wird, dass es nun Erika Palmer ist, die in Gänsefüßchen zu Wort kommt. Dass endlich auch einmal die Perspektive der Frau erzählt wird, die wie niemand sonst unter und für diesen Mann litt. Wie man das aushält? Nur mit einer ungewöhnlich starken Liebe – in diesem Fall sogar „auf den ersten Blick“.

Auch dieser Schwarzsche Text mäandert auf sprachlich höchstem Niveau durch Palmers Leben, feiert Höhepunkte, watet durch Tiefen, biegt überraschend ab, setzt mal wütende, mal lustige Kontrapunkte. Aber er interpretiert nun dieses monströs verworrene Leben aus dem Blickwinkel eines liebenden Menschen. Zugewandter und schöner geht das nicht.

Und so bleibt Axel Nagel am Schluss nichts anderes, als auch aus seiner Leidenschaft, seinem Können, seiner Technik und seiner Stimme alles herauszuholen, um dem Abend diesen wunderbaren, traumtänzerischen Abschluss zu geben. Das Publikum ist hin und weg.

Axel Nagel

Die Künstler gehen nicht ohne ein ehrlich beeindrucktes Lob über das fantastische Apfelmenü im Vorgang dieser musikalischen Lesung und die unerwartete Großodigkeit der vorgefundenen Location. Das macht den kleinen Mangel wett, dass Helmut Palmer nie versucht hat, Mössinger Bürgermeister zu werden.

Literatur:
mehr zu Helmut Palmer (antiquarisch)
mehr zum Öschbergschnitt

Apfelwochen-Highlights 2026 (6) – Remstal-Rebell!

Logo der ApfelwocheBald ist es wieder soweit: Vom 27.9. bis 4.10.2026 zeigt Mössingen, was es in Sachen Apfel drauf hat. An dieser Stelle stellen wir in loser Reihenfolge einige Highlights vor. Natürlich gibt es das Gesamtpaket wie immer auch als Programmheft (hier herunterladen).

Von den Älteren unter uns hat fast jeder eine eigene Helmut-Palmer-Geschichte zu erzählen. Meine geht so: Als wir per Fahrrad und in Familienstärke auf dem Marktplatz ankamen, suchten wir vergeblich einen Parkplatz für die Stahlrösser und schlossen sie schließlich mangels Alternative an einer Straßenlaterne an. Ein paar Meter entfernt hatte Helmut Palmer seinen Stand auf dem Markt. Bis wir fertig waren mit Anschließen, hatte er schon eine Handvoll Äpfel zusammengeklaubt und gab jedem von uns einen in die Hand. „Gut so“, meinte er. „Wenn jeder mit dem Fahrrad komma dät, hett mr koi Parkplatz-Problem.“ Dann wandte er sich wieder seinem Verkauf zu.

Andere Geschichten berichten davon, wie Kunden zusammengestaucht wurden, weil sie sich nicht palmerkonform verhielten. Oder von 289 Bürgermeister-Wahlkämpfen in einer der 1.111 Kommunen Baden-Württembergs. Oder von Palmers vielen „PM“-Anzeigen im Lokalblatt. Die jüngeren unter uns kennen wenigstens seinen Sohn Boris Palmer oder seine Tochter Gudrun Mangold.

Jedenfalls hat Helmut Palmer auch nach seinem Tod 2004 einen Platz in der baden-württembergischen Landesgeschichte – ob als „Remstal-Rebell“ oder Pomologe, „Vater der Bürgerinitiativen“ oder Bürgermeister-Dauerkandidat (der übrigens 1987 in Dußlingen über 30% der Wählerstimmen erhielt, ohne überhaupt auf dem Wahlzettel zu stehen), Gefängnisinsasse oder erbitterter Kämpfer für den Öschbergschnitt. Grund genug für den preisgekrönten Journalisten Peter Schwarz, „das vogelwilde Leben des Helmut Palmer“ zum Zentrum einer Lesung zu machen, in der er dieses Leben aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

Sein Vortrag ist nie kopfschüttelnd oder analytisch-kalt, sondern stets warmherzig und erzählend, denn immerhin wurde er von Palmer nicht nur persönlich beschimpft, sondern auch per Fax gelobt. Er erzählt das teils zum Schreien komische, teils zum Heulen tragische Leben des Remstal-Rebellen per Wort und Bild – und Musik. Denn Peter Schwarz bringt den ebenfalls preisgekrönten Gitarristen und Sänger Axel Nagel mit, der zwischen den Texten Lieder von und über Rebellen vorträgt – also von Lebensentwürfen, die wie bei Palmer in kein Raster passen.

  • Café Pausa, Löwensteinplatz
  • Apfelmittwoch, 30.9., 20:00 Uhr
  • Eintrittsgeld: entscheidet jeder selbst

Davor gibt es um 18 Uhr ein Apfelmenü im Café Pausa. Dazu ist allerdings eine Anmeldung erforderlich. Zum Palmer-Abend natürlich nicht.

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